2018: Romy und Julius – ein vorweihnachtliches Drama (von Rainer Dachselt)

Samstag, 1. Dezember (Jasmin): Ein verlorener Abend

"Das braucht kein Mensch" dachte Romy, die jetzt wieder Jasmin hieß. Sie hatte sowas gottseidank nicht nötig. Sie nicht. Sie zwar war jetzt schon vier Jahre solo, aber bei ihrem aufreibenden Job hätte sie ja eh kaum Zeit für ein noch aufreibenderes Privatleben zu zweit gehabt. Und wenn sie das mal ändern wollen würde, dann würde gelten, was ihre Mutter schon über den vierjährigen Dickkopf gesagt hatte: Wenn die Jassi was wirklich will, dann kriegt sie das.

"Hat mich halt mal interessiert", seufzte Jasmin und schmiss ihre Schuhe in die Ecke. Speed-Dating - alle redeten davon, aber wenn sie nachfragte, war angeblich keiner selber da gewesen. Eigentlich eine gute Idee: sechs Typen in einer Dreiviertelstunde. Da musste doch rein statistisch einer dabei sein. Tja. Traue keiner Statistik, auch wenn du sie dir selber eingebildet hast.

'Otto' hatte sie mit Komplimenten niedergewalzt, statt sich richtig vorzustellen. "Kann ich erstmal erfahren, wer genau das ist, der meine Figur klasse findet?", fragte Jasmin den Kühlschrank und ärgerte sich, dass ihr das vorhin nicht eingefallen war. Auch 'Jerry' hatte sie sprachlos gemacht – mit einem erbarmungslosen Dauerfeuer von Gags. Frauen auf Partnersuche sagen ja gerne, dass sie Männer mit Humor schätzen. Aber vielleicht sollten sie dazusagen, dass sich bitte niemand melden soll, der nichts als Humor hat. 'Ursus' war ganz nett gewesen, hatte aber gerochen. Der anschließende 'Dorian' hatte es immerhin fertig gebracht, sie so gründlich zu langweilen, dass ihr acht Minuten wie achtzig vorkamen. Und schließlich hatte ihr 'Winnie Puh' mit einer Überdosis Achtsamkeit den Rest gegeben. "Wir Männer haben euch Frauen ja 10.000 Jahre lang zugequatscht, jetzt will ich erstmal zuhören", erinnerte sich Jasmin halblaut und traf den öligen Sozialpädagogenton so genau, dass sie vor Lachen ihr Bier umschmiss.

Natürlich hatte Jasmin am Ende einen leeren Zettel abgegeben. Fort mit Schaden! Sie wollte keinen von denen wiedertreffen. Noch nicht einmal 'Julius'. Das war der einzige, mit dem sie wenigstens zusammen gelacht hatte: 'Romy' und 'Julius', das perfekte Liebespaar mal andersrum! Aber sonst? Machte er was mit Computern, kriegte den Mund nicht auf, ein lebendes Klischee. Nicht ihr Beuteschema. Dabei hatte er schon ganz nett ausgesehen, groß, mit schwarzem Wuschelkopf. Vielleicht hätte sie den ja unter anderen Umständen gerne genauer kennen gelernt. Aber jetzt war die Sache eh gelaufen.

 

Sonntag, 2. Dezember (Marco): Die Predigt danach

"War doch klar: immer das Gleiche" nörgelte es schon seit Minuten in Marcos Kopf. Plötzlich kam Widerspruch von Frau Plietsch: "Seid bereit, das Unerwartete in euer Leben zu lassen", forderte sie von der Kanzel. "War ich doch", murmelte Marco, obwohl die Predigt sich natürlich nicht nur an ihn, sondern an alle anwesenden Mitglieder der Gethsemane-Gemeinde und die zahlreichen Adventsgäste wandte.

"Ach was. Speed-Dating! Bescheuerte Nummer!" nörgelte es in ihm weiter. Marco nickte: Er war nicht der Typ, der bei Frauen in acht Minuten landen konnte. "Du bist überhaupt nicht der Typ, der bei Frauen landen kann", keifte der innere Feind, und Marco lauschte nach vorne, in der Hoffnung, dass auch hier die Pfarrerin widersprechen würde. "So werden die letzten die ersten sein", zitierte Frau Plietsch die Schrift – und das galt sicher auch für ihn! Nur wo und wann? Beim Smalltalk jedenfalls kaum. Das konnte er nicht. Es sei denn, es ging um PHP-basierte Content Management  Systeme.

Dabei war da sogar eine Internetaktivistin gewesen, diese 'Lara'. Aber die hatte ihn gleich gefragt, ob sein Pseudonym 'Julius' was mit Cäsar zu tun hatte, denn nach so alten Römern würden sich im Netz nur aggressive Macker benennen. Sein Opa hieß so, aber das band er 'Lara' nicht auf die Nase, sie überforderte ihn einfach. Das galt auch für 'Undine': Konnte man sich wirklich für Theater, Kino, Natur, Reisen, chinesische Kunst, Makramee, Tanzen und vier bis fünf verschiedene Sportarten aktiv interessieren? Bei 'Nellepopelle' dachte er zuerst, dass ihm ruhige Frauen liegen. Nach drei Minuten fand er eher, dass Menschen die sich anschweigen, keine lange Zeit miteinander verbringen sollten. 'Tessa' hatte schließlich eine lange Liste von Eigenschaften vorgetragen, die sie an Männern nicht mochte. Nach kurzer Zeit war Marco ohne nähere Prüfung davon überzeugt, dass er die meisten davon hatte. "War doch klar!" ätzte es ihn ihm, "Frauen sind anspruchsvoll und mäkelig! Das ist bekannt!"

"Fröhlich soll mein Herze springen" sang die Gemeinde dazwischen, und Marco ließ sich erleichtert in das alte Adventslied fallen. War ja auch nicht alles schlecht gewesen. Eine hatte ihm sogar sehr gefallen, diese 'Romy'. Über 'Romy' und 'Julius' hatten sie beide gelacht, und sie hatte ihre rot-blonden Haare geschüttelt. Aber das war so eine Toughe, Extrovertierte – Eventmanagerin von Beruf, das sagte ja schon alles. Ob so eine was von ihm wollte? "Never ever" antwortete der innere  Giftzwerg.

Natürlich hatte er seinen Speed-Dating-Zettel leer zurückgegeben. Schon, um sich Enttäuschungen zu sparen. Aber bei 'Romy' tat´s ihm jetzt fast ein bisschen leid.

 

Montag, 3. Dezember (Jasmin):  Der Plan nimmt Formen an

"Tsugumi no hige no osama", grinste Kousuke. "So heißt König Drosselbart auf Japanisch. Wenn du was von Männern erzählst, erinnerst du mich immer an die Prinzessin da. Was die alles gesagt hat: 'Kurz und dick hat kein Geschick. Der bleiche Tod. Das Weinfass!'" Jasmin grinste geschmeichelt zurück. Im Runtermachen von unzulänglichen männlichen Wesen war sie einfach gut. "Der Einzige, über den du nicht abgelästert hast, war dieser Justus", setzte Kousuke fort, "den solltest du dir warm halten." "Julius", sagte Jasmin, "Und zum Warmhalten ist es zu spät."

"Es wäre ein Wunder, wenn du den wiederfindest", bestätigte Liza und zündete die erste Kerze auf dem Leuchter an. "Die Veranstalter beim Speed-Dating rücken nur Klarnamen raus, wenn beide beim jeweils anderen ein Kreuzchen machen." "Gut so", murmelte Jasmin bei dem Gedanken, 'Ursus' oder 'Winnie Puh' könnten sie wochenlang auf allen Kanälen stalken. "Da haste mal einen, der dir gefällt, und dann fragst du ihn nicht mal, wie er heißt. Meine Jassy hat es echt gern kompliziert bei Männern, oder?" flötete Liza. "So toll fand ich ihn auch nicht", grunzte Jasmin in eine unbestimmte Richtung.

Es war der erste Abend von Chanukkah, dem jüdischen Lichterfest. Jasmin war eingeladen bei ihrer amerikanischen Freundin Liza, einer Immobilien-Analystin, und ihrem Mann Kousuke aus Japan, der eine Galerie leitete. "Meine vorbildlich urbane und multikulturelle Peer Group", dachte Jasmin. "Aber alle so verheiratet." Und deswegen immer dabei, sie zu verkuppeln. "Soll ich eigentlich Walid noch mal einladen, ihr habt euch doch neulich ganz nett unterhalten?" fragte Liza. Kousuke grätschte dazwischen: "Wer zwei Hasen jagt, fängt keinen – japanisches Sprichwort. Bleib lieber bei deinem Justus." "Julius", antwortete Jasmin, "aber es wäre wirklich ein Wunder, wenn ich den aufspüren könnte". "Chanukkah ist ein Fest der Wunder. Man erzählt sich da auch Geschichten von Wundern", überlegte Liza. "Warum nicht eine von Romy und Julius?" "Im Job bist du doch immer Madame 200 Prozent", setze Kousuke nach, "Das ist jetzt mal ein privates Projekt, wo du richtig gefordert bist. Finde den Unbekannten. Bis Weihnachten. Dann könnt ihr zusammen feiern."

Jasmin verdrehte dramatisch die Augen: Chanukkahwunder, zusammen Weihnachten feiern. Was für ein Kitsch. Das brauchte doch kein Mensch. Innerlich fand sie die Idee allerdings längst großartig. Nicht, weil ihre Freunde ihr das einredeten. Nicht, weil sie es nötig gehabt hätte. Niemals. Sie wollte es einfach. Und wenn sie etwas wirklich wollte, dann kriegte sie es auch.

 

Dienstag, 4. Dezember (Marco):  Männer können auch Vorsätze fassen

"Wenn du net so ein prima Kerl wärst, würd' ich dich jetzt Lappeduddel nennen", empörte sich Hartmut mit leicht hessischer Sprach-Färbung. "Da steht die Frau deines Lebens vor dir ..." "Sitzt", meinte Marco, "beim Speed Dating sitzt man". "Von mir aus: Sie hockt also vor dir", empörte sich Hartmut, "und du hast am End' noch net mal den Namen, geschweige denn die Telefonnummer. Das riecht sehr nach Lappeduddel."

Marco konnte schwer widersprechen. Hartmut war 87 und ging an Krücken, aber seine Energie war ungebrochen. "Mach dir doch net immer ins Hemd", wetterte er und drückte einen Samen in den Blumentopf vor ihm. "Sonst hockste als Tattergreis allein da - wie ich - und freust dich schon, wenn  alle drei  Daach en Lappeduddel vorbeikommt, mit dem du über Steuerpolitik streiten kannst." Das war eine etwas verkürzte Umschreibung für Marcos ehrenamtliche Besuche im Ilse-Mettler-Heim. Er kümmerte sich da um einige alte Leute, sie sonst wenig Besuch bekamen. Und Hartmut war zum Freund geworden. Außerdem zum Berater in Liebesdingen.

"Das wär' mir zu meiner Zeit net passiert", verkündete Hartmut und setzte noch einen Samen ein. "Frauen stehen einfach nicht auf mich", nölte Marco in der Hoffnung auf aufmunternden Widerspruch. Hartmut seufzte. "Ich fass' es net. Einsneunzig, schwarze Locken, und kloppt solche Sprüch'. Da kann ich dir auch net helfen." Marco schaute enttäuscht. "Noja, vielleicht hilft dir ja die Heilige Barbara", sagte Hartmut schließlich.

Marco schaute misstrauisch auf den Blumentopf. Offenbar ein Scherz auf seine Kosten, den er nicht verstand. "Das ist Barbaraweizen", erklärte Hartmut. "Aber das sagt dir als Ketzer sicher nix. Heute ist der Tag der Heiligen Barbara, sehr bedeutsam für mich als Katholik und auch Architekt: Des is' nämlich meine Schutzheilige. Und deine bald auch." "Meine? Wie das?" "Wenn Bärbels Weizen Weihnacht' steht, Heil und Segen mit dir geht" kam die Antwort von der anderen Seite. Frau Maybach, die sonst meist vor sich hinstarrte, lachte Marco an. "Sie ist vielleicht dement", freute sich Hartmut, "aber doch net blöd. Der Barbaraweizen ist so eine Art Orakel".

"Du meinst, wenn er aufgeht, finde ich 'Romy'?", fragte Marco. "Net einfach so", kam es von Hartmut zurück, "nur wer sich selbst hilft, dem hilft auch die Barbara." "Wie soll ich denn eine Frau finden, von der ich nur einen Spitznamen und ein paar Hobbies kenne?" Hartmut sah ihn überrascht an. "Ei mit Big Data. Ich dachte, das Internet weiß alles über jeden? So ein gerissener Bitgangster wie du braucht doch nur Sekunden, um das zusammenzuklauben". Hartmut grinste. Genau das glaubten alle, dachte Marco. Und jetzt würde er mal prüfen, ob das auch stimmte.

 

Mittwoch, 5. Dezember (Jasmin): Mehr Weihnachten geht nicht

"Süßer die Glocken nie kli-hingäään" brüllte es direkt neben Jasmins Ohr. Das war dreist gelogen und hinderte sie außerdem daran, sich auf ihre aktuelle Multitasking-Aufgabe zu konzentrieren. Erstens: Sich endlich zu erinnern, was Julius ihr über sich erzählt hatte und daraus einen Plan für die Suche abzuleiten. Zweitens, am Telefon die Suche nach einem Mietnikolaus für das morgige Advent-Charity-Event ihres Arbeitgebers zu koordinieren und drittens nebenher auf dem Weihnachtsmarkt geschmackvolle Wichtelgeschenke einzukaufen. "Bald ist Nikolausabend da" machte ein Lautsprecher vor ihr Druck, während im Hintergrund die Glocken weiter süßlich lärmten und rechts neben ihr Helene Fischer die Kinderlein aufforderte, gefälligst zu kommen. Ein kopfwackelnder automatischer Weihnachtsmann lachte Jasmin schrill und verzerrt aus: "Hohohoho". Weihnachtsmärkte brauchte eigentlich kein Mensch.

"Julius, bist du auch hier?", brüllte sie einfach mal so in die Menge. Es war gesteckt voll, die halbe Stadt war da, also betrug die Chance, ihn hier zu treffen verlockende 50 Prozent. Oder auch nicht. Wahrscheinlich spielte er gerade Tennis. Hatte er nicht erzählt, dass er gerne Tennis spielte? Nein, hatte er nicht. Warum hatte sie nicht besser aufgepasst? Weil die Typen davor ihr die Ohren schon so taub gedröhnt hatten wie dieser Tenor, der jetzt dreist knödelte: "Leise rieselt der Schnee".

"Nimm dir ein Beispiel" zischte Jasmin, als schon das nächste schrille Gedudel ihre Ohren beleidigte. Es war ihr Mobiltelephon. Die Assistentin teilte mit, dass für den erkrankten Stamm-Nikolaus ein Ersatz gefunden sei. "Kein Studi, aber stattlich, tiefe Stimme." "Genau wie Julius", dachte Jasmin, rief "Supi! See you!" ins Telefon und sah sich im Dickicht von Glühwein- und Nierenschaschlikanbietern nach den letzten zwei Ständen um, die noch traditionelles Kunsthandwerk verkauften.

Plötzlich wurde es ruhig. War ein Engel des Herren erschienen und hatte befohlen: "Fürchtet euch nicht, aber hört auf zu lärmen"? Nicht ganz. Vom Turm der benachbarten Kirche klangen wieder Weihnachtslieder. Nur welche? Die nasskalte Witterung und mangelnde instrumentelle Praxis sorgten für ein Klangbild, in dem sich mehrere Melodien und Tonarten um die Vorherrschaft stritten. Turmblasen! Jasmin hatte das Gefühl, dass ihr das etwas sagen wollte. Hatte Julius erzählt, dass er Posaune spielte? Hoffentlich nicht. Aber das war es nicht, es war der Turm, es war die Kirche - und jetzt war sie sich ganz sicher: Julius hatte ihr erzählt, dass er regelmäßig in die evangelische Kirche ging. Die Suche konnte beginnen.

 

Donnerstag, 6. Dezember (Marco): Niklaus ist ein verwirrter Mann

"Aber Mia, was lese ich denn da in meinem Goldenen Buch? Du hast dein kleines Schwesterchen gezwickt?" Marco sah in das ängstliche Gesicht einer Fünfjährigen. "Du musst keine Angst vor mir haben, hohoho", beruhigte er die Kleine. Kinder fanden den Nikolaus aus dem gleichen Grund unheimlich wie Erwachsene das Internet: Er wusste zu viel.

"Was das Internet angeht: völlig übertrieben", dachte Marco etwas säuerlich. Es wusste vielleicht viel über 'Romy', rückte dieses Wissen aber nicht heraus. Dabei war er systematisch vorgegangen. Merkmale sammeln: Frau, Anfang 40, Eventmanagerin bei einem großen Laden, tanzt und läuft gerne, interessiert sich für Kunst. Dann entsprechende Suchkombinationen eingeben, Bilder, Webseiten und Social Media checken – schon hast du ein Foto mit dem echten Namen drunter. Oder auch nicht. Nach vier Stunden hatte er aufgegeben – das klägliche Versagen eines Profis.

"Und heute versagst du schon wieder", nörgelte es in Marcos Kopf. Was meinte sein bösartiges Über-Ich? Ach ja, Mia stand immer noch vor ihm und wunderte sich, dass der Nikolaus nichts mehr sagte. "Öh, dafür hast du aber immer schön beim Kuchenbacken geholfen, und ich habe auch ein Geschenk für dich", brummelte Marco gütig und griff in den Sack. Als Student hatte er den Job regelmäßig gemacht, jetzt meldete sich die Agentur immer mal, wenn jemand einspringen sollte. "Und wer bist du?" "Ich bin Leon, aber ich glaube nicht an den Nikolaus". Soso. Eine Standardsituation.

"Hoho?", brummte Marco, "den Nikolaus gibt es also nicht? Aber woher weiß er dann, dass du immer heimlich Schokolade aus dem Schrank naschst?" Das machte Leon, wie viele kleine Nikolausleugner vor ihm, wieder zu einem bibbernden Gläubigen. Leider gab es in Sachen 'Romy' keine so einfache Lösung. Jedenfalls keine, die er zuhause am Computer finden konnte. Und Lösungen, für die man das Haus verlassen musste, waren ihm als Informatiker verdächtig und unsympathisch.

"Jetzt lassen Sie das Kind doch nicht warten, das ist der Sohn vom Personalchef", zischte es an seinem Ohr. Diesmal war es nicht seine innere Stimme, sondern Frau Lisitzky, die ihn engagiert hatte. Marco begann, Leon für alles Mögliche zu loben, was man ihm aufgeschrieben hatte, und dachte dabei weiter über 'Romy' nach. Wo musste er hingehen, um eine Eventmanagerin zu finden? Zu einem Event. Dann fiel ihm ein, dass er ja gerade bei einem Event als Nikolaus auftrat. Die dazugehörige Managerin war aber leider nicht 'Romy', sondern die schmallippige Frau Lisitzky. Dachte er, und lag damit knapp daneben. Frau Lisitzky war nur die Assistentin der Eventmanagerin. Ihre Chefin war wegen einer leichten Erkältung schon nachhause gegangen.

 

Freitag, 7. Dezember (Jasmin): Unter Programmierern

Die Idee war genial: einfach eins und eins zusammenzuzählen. "Informatiker" plus "christlich" ergibt christlicher Informatiker, eine Randgruppe, die sich ganz bestimmt regelmäßig traf. Natürlich im Internet, zu Online-Gottesdiensten oder so. Eigentlich brauchte diese Erkältung kein Mensch. Aber sie war für Jasmin ein guter Anlass, im Bett zu bleiben und im Netz nach Spuren des Glaubens in der kalten, rationalen Welt der Algorithmen zu suchen.

Die waren leider gut versteckt. Jasmin fand muslimische Physiker, buddhistische Psychologen und freigläubige Juristen, die sich hier austauschten, aber keine christlichen Informatiker. Wahrscheinlich wurden sie von der ungläubigen Mehrheit unterdrückt und mussten sich tarnen, dachte Jasmin, während sie etwas lustlos das örtliche Programmiererforum durchstöberte. Plötzlich saß sie kerzengerade im Bett: Das war es. "Gottes Algorithmus" stand da, der Titel einer Diskussion, dort musste Julius sein.

"Nee, Romy, hier gibt’s keinen mit dem Nickname 'Julius'. Wen suchst du?" Fünf Minuten hatte es nur gedauert, bis Jasmins Anfrage beantwortet war, von einem gewissen 'Gerd Almighty'. Sie tippte noch einmal knapp ihre Vermutung ein, dass ein ihr bekannter Julius sich als Christ und Informatiker doch bestimmt an einer Diskussion über Gottes Algorithmus beteiligen würde. Nun wurde es lebhaft: 'Gerd Almighty' und weitere Nutzer schickten Antworten, in denen es von zwinkernden, hüpfenden und grinsenden Smilies wimmelte. Was Jasmin verstand: 'Gottes Algorithmus' ist keineswegs ein Gegenstand des Glaubens, sondern eine raffinierte Methode, die schnellste Lösung für den Zauberwürfel und ähnliche Knobelspiele zu errechnen.

Jasmin wollte sich eben bedanken und enttäuscht verabschieden, als der Nutzer 'Guybrush' kategorisch forderte, die Einträge dieser Romy zu löschen. Sie seien OT, off topic, am Thema vorbei. Dieser Ansicht schloss sich 'Delphischlumpf' an und fragte: "Bist du wirklich 'ne Frau oder trollst du hier nur rum?" Die Gruppe um 'Gerd Almighty' verstärkte daraufhin ihre Bemühungen, bei der Suche irgendwie behilflich zu sein. Und dann drosch man fröhlich aufeinander ein: Wie man auf so einen Troll reinfallen könne, der den Laden aufmischen wolle? Wie man einen Gast beschimpfen könne, der nur höflich ein paar Fragen stellen würde? In kurzer Zeit hatte sich eine friedlich vor sich hin diskutierende Expertenrunde in ein Piranhabecken verwandelt.

Jasmin war schuld und loggte sich deswegen still und heimlich aus. Der User 'Hashdepp14' hatte geschrieben, dass Gottes Algorithmus eigentlich jedes lösbare Problem in der kürzestmöglichen Zeit löst. Also auch das Problem 'Finde Julius bis Weihnachten'. Vielleicht musste sie nur Gott noch ein bisschen näher kommen, um den entscheidenden Hinweis zu erhalten. Es war ja bald wieder Sonntag.

 

Samstag, 8. Dezember (Marco): Tanz den Marco

Marco hielt sich an der Theke fest. Es war ein Tipp von Hartmut gewesen: "Wenn du dich net traust zu tanzen, stell' dich an die Theke und guck so, dass alle glauben, du könntest tanzen". Marco bezweifelte, dass irgendjemand das glaubte, gottseidank interessierte sich auch niemand dafür.

"Dass sie dich überhaupt reingelassen haben", spottete es in Marcos Kopf. Stimmt. Es war ein Wunder, als alleinreisender Mann ins "Wolke 18" gelassen zu werden. Eher zu erwarten wäre dagegen, dass Romy gleich auf der Tanzfläche herumwirbelte. Sie tanzte gerne, hatte sie gesagt, als0 müsste sie hierher gehen. Denn nach Marcos Ermittlungen war das "Wolke 18" der angesagte Club bei Frauen, die so waren, wie er Romy in Erinnerung hatte.

Sie war aber nicht da. Noch nicht? Marco war es heiß. Seine Ohren dröhnten, ein Zustand, der ihm seit den Parties der evangelischen Jugend bekannt war: Wenn laute Musik und er in einem Zimmer waren, musste einer von beiden gehen. Fast immer Marco. "Hab' ich dir gleich gesagt, wir hätten auch daheim bei unserem Computer bleiben können", nörgelte der innere Feind. Marco hörte nicht hin. Er wollte doch Romy finden, also musste er dorthin, wo sie aller Voraussicht nach war: auf die Tanzfläche.

Die Musik war von der Sorte, die Marco sonst nur als rhythmisiertes elektrisches Störgeräusch empfand. Hier enthüllte sie ihren Sinn: Man konnte sich tatsächlich darauf bewegen, sogar Marco. Sein bösartiges Unterbewusstes spielte ihm Bilder von ihm selber vor, mit 15, im karierten Hemd, ungelenk und unmusikalisch vom rechten auf das linke Bein tretend. Marco tanzte dagegen an. Mit Erfolg. Er bewegte sich wie von selbst, die Körper und Gesichter der anderen liefen wie in einem Musikvideo um ihn herum. Eine Frau lachte ihn an. Oder aus? Egal. Jetzt war sie ganz in seiner Nähe. Er lächelte zurück. Warum suchte er eine geisterhafte Romy, hier gab es eine wirkliche Frau, die war kein Projekt, keine Recherche – sie tanzte einfach mit ihm.

Und dann war sie weg. Marco bewegte sich tanzend durch die Menge, sie war wirklich weg. "Und ich bin wieder allein", ergänzte Marco mit einer Zeile seiner Lieblingsband. Denn Romy war auch nicht da. Oder vielleicht war sie da gewesen, und Marco hatte sie nicht gesehen, weil er nur Augen für diese andere Frau hatte? War das eine Versucherin gewesen, die ihn vom wahren Weg seiner Suche abbringen wollte? Marco grinste. Er hatte die Expedition in die freie Wildbahn des Lebens erstaunlich heil überstanden. Bald würde er den nächsten Versuch unternehmen – gestärkt von Frau Plietschs Adventspredigt.

 

Sonntag, 9. Dezember (Jasmin): Unter Protestanten

"Hoffen wir aber auf etwas, das wir noch nicht sehen können, dann warten wir zuversichtlich darauf, dass es sich erfüllt", sagte die Pastorin, und Jasmin zuckte ertappt zusammen. Es hätte sie nicht gewundert, wenn jetzt alle anwesenden Gläubigen der Gethsemanegemeinde mit einem Mal den Kopf zu ihr gedreht hätten: Seht, die Heidengöre. Es gelüstet ihr nach einem der Unseren, sie entweiht den Adventsgottesdienst für ihre irdischen Begierden!

Gut, ganz so altertümlich glaubensstreng sahen die Menschen um sie herum nicht aus, aber doch so, als würden sie hierher gehören – im Gegensatz zu Jasmin. Die war nicht mal getauft - und fest davon überzeugt, dass man ihr das irgendwie ansah. Es war wohl die Art, wie sie sich verstohlen umsah, um herauszufinden, ob Julius da war, oder nur um mitzubekommen, wann man aufstehen, sich wieder setzen und das Gesangbuch aufschlagen musste. Jasmin sang leise vom Blatt mit, denn wenn sie stumm geblieben wäre oder durch Lautstärke ihre mangelnde Melodiesicherheit verraten hätte, wäre sie sofort enttarnt gewesen. Und das brauchte kein Mensch.

"Wer wartet, muss nicht untätig sein", predigte Frau Plietsch. "Viele Menschen nutzen die adventliche Wartezeit, um etwas zu tun, was sie sonst nicht tun. Zum Beispiel in die Kirche  gehen". Jasmin erschrak: Es ging also doch gegen sie! Aber dann fiel ihr auf, dass die Gemeinde, anstatt sich geschlossen zu ihr umzudrehen, einfach nur ziemlich laut kicherte. Da waren offenbar noch mehr Heiden dabei, oder zumindest Leute, die eine Kirche nur an Feiertagen betraten. Jasmin war erleichtert. Nur schade, dass Julius nicht da war. Warum war der nie, wo er hingehörte?

Dann dachte Jasmin wieder an Gottes Algorithmus. Sie war ja unter anderem hier, um eine Botschaft zu hören, die ihr weiterhalf. Im Leben, klar, aber auch bei ihrer Suche. Die Pfarrerin sprach gerade vom Schwimmen, gegen den Strom natürlich. Jasmin hatte leider verpasst, wie die Predigt vom 'Warten' auf das 'Schwimmen' gekommen war, aber es blieb ihr im Gedächtnis. Auch als sie die Kirche verließ und sich zu Liza und Kousuke begab, die sie am vorletzten Abend von Chanukkah wieder eingeladen hatten.

"Wie entwickelt sich dein Wunder?" fragte Liza und zündete die sechste Kerze an. "Heute wäre es fast passiert, aber ich war offenbar in der falschen Kirche", seufzte Jasmin und berichtete kurz von ihrer aufregenden Expedition in die Welt des Glaubens. "Was fällt euch denn zum Thema 'Schwimmen' ein?" fragte sie ohne große Erwartungen. "Dass ich morgen mal wieder ins Zentralbad gehe, mich ein bisschen frisch machen vor der Vernissage", antwortet Kousuke. Und da fiel es Jasmin plötzlich ein: Julius hatte ihr erzählt, dass er regelmäßig schwimmen ging, da war sie sich ganz sicher.

 

Montag, 10. Dezember (Marco): Wenn Bilder reden könnten

"Also ich finde, man sieht den Bildern nicht an, dass sie ein Gehörloser gemalt hat", verkündete der turnschuhtragende Mittvierziger direkt hinter Marco. "Das liegt nur daran, dass du als Nicht-Gehörloser diese spezifischen Außenseitererfahrungen ausblendest", wies ihn seine Begleiterin mit der asymmetrischen Bobfrisur zurecht. "Bullshit!" ließ sich eine dritte Stimme vernehmen, "unsere Etikettierung dieser Kunst als spezifisch gehörlos konstruiert doch erst den Außenseiter". Marco nippte an seinem giftorangenen Drink und hoffte inständig, dass niemand ihn zu diesem Thema ins Gespräch ziehen würde. Er wäre sofort als absoluter Außenseiter enttarnt worden.

"Ich finde, es geht ja überhaupt nicht mehr um Bilder, Installationen oder Skulpturen. Es geht um Positionen", tönte eine leise, aber autoritäre Frauenstimme auf der anderen Seite. Marco überlegte kurz, sie zu fragen, warum sie sich dann in einer Galerie herumtrieb, in der es offenbar um Bilder ging. Aber wahrscheinlich hätte sie ihn dann als unqualifizierten Eindringling rausschmeißen lassen.

"Deine Romy ist bestimmt auch so eine intellektuelle Kunstschnepfe" pöbelte Marcos innere Stimme. "Und wegen so einer lässt du dich in diesem Saftladen volllaufen, anstatt ordentlich daheim vor dem Computer zu hocken." Marco nahm entschlossen noch ein Glas von dem orangenen Zeug. Er hatte nach dem Clubbesuch zwar den Gottesdienst und damit Frau Plietschs Beistand verschlafen. Aber danach hatte ihn Hartmut umso kräftiger unterstützt: "Ei, du musst ins Getümmel gehe, dahin, wo´s weh dut!" Das waren seine Worte gewesen. Und das tat er nun. Die Vernissage schüchterte ihn mehr ein als der Club, denn hier konnte er nicht gegen sein Lampenfieber antanzen.

Weh tat allerdings nur eines: dass Romy nicht da war. Marco war überzeugt, dass sie ihm ihre Begeisterung für die Kunst hätte vermitteln können. Genau wie der japanische Galerist, der jetzt die Ausstellung eröffnete. In seiner kleinen Rede kamen weder Positionen noch Gehörlose vor, was Marco sehr beruhigte. Entsetzt war dagegen die Frau mit dem asymmetrischen Bob: Der Galerist helfe durch sein Schweigen mit, gehörlose Künstler in der Öffentlichkeit unsichtbar zu machen. Marco nahm all seinen Mut zusammen und zeigte ihr den Prospekt der Galerie. Aus dem ging hervor, dass die Werke des gehörlosen Künstlers erst im nächsten Monat ausgestellt würden.

Also endete auch Marcos zweiter Ausflug in fremde Welten wenigstens mit einem kleinen Triumph. Und man wusste ja aus Märchen und überhaupt, dass es immer erst beim dritten Mal klappte.

 

Dienstag, 11. Dezember (Jasmin): Schwimm um dein Leben!

"Geh doch ins Planschbecken. Hier ist Schwimmer!" prustete das massige Etwas mit der schwarzen Schwimmbrille in Jasmins Ohr und verschwand in einer Welle. Immerhin hatte der mit ihr geredet. Die anderen hatten sie wortlos angerempelt oder ihr mit gezielten Spritzern angedeutet, dass sie zu langsam und deswegen im Weg war. Jasmin hatte sich unter einem "Kampfschwimmer" bisher einen Elitesoldaten vorgestellt, der nur bei militärischen Spezialeinsätzen zeigt, was er kann. Aber das Training für Kampfschwimmer fand ganz offenbar im Zentralbad statt.

Um einen besseren Überblick zu bekommen, schwamm Jasmin auf die andere Seite des Beckens, wo es scheinbar friedlicher zuging. Hier trudelten vor allem ältere Damen und Herren zu zweit oder gar zu dritt nebeneinander durchs Becken, plaudernd und sehr langsam. Jasmin schwamm, wie sie fand, in großem Bogen um einen besonders raumgreifenden Dreier herum. Und wurde prompt angeraunzt: "Schwimmen Sie doch auf der anderen Beckenseite, wenn Sie sich hier austoben wollen." Jasmin nahm sich vor, ab jetzt in der Mitte zu schwimmen, aber die gab es nicht. Die Extremisten beider Seiten hatten das Terrain unter sich aufgeteilt.

Jasmin hielt das für ein bedenkliches Zeichen, für die Gesellschaft, aber auch für ihr mögliches Verhältnis zu Julius. Dem machte sowas offenbar Spaß. Im Wasser hatte sie gar nicht mehr gehofft, ihn zu treffen, sondern eher befürchtet, von ihm getroffen zu werden – mit dem rechten Fuß beim Überholen. Gottes Algorithmus hatte sie mit Hilfe einer Pastorin und eines guten Freundes hierher geführt. Aber wozu? Vielleicht, damit sie hier erkennen sollte, was der Gesuchte tatsächlich für einer war: So einer von diesen scheinbar netten Schüchternen, die bei der erstbesten Gelegenheit – hier im Zentralbad – so richtig die egoistische Sau rauslassen. So einen brauchte doch kein Mensch!

Das hätte Jasmin vielleicht denken sollen. Dachte sie aber nicht. Es machte ihr eher Vergnügen, sich Julius – soweit sie sich noch an ihn erinnern konnte – als sportlichen Schwimmer vorzustellen. So einer von denen, die auf der Kampfschwimmerseite dank überlegener Technik elegant und gewaltfrei an allen vorbeischlüpften. Vielleicht sollte sie am nächsten Tag einfach stundenlang von einem Café aus den Eingang des Bades überwachen, bis Julius kam. Ging leider nicht: sie musste, wie es ihre Stellenbeschreibung vorsah, ein Event managen. Und außerdem wollte Gottes Algorithmus bestimmt nicht, dass man ziellos herumprobierte – sie musste einen Ort ergründen, an dem Julius bestimmt war. Jasmin nahm sich vor, am nächsten Tag eine Runde durch den Stadtwald zu laufen, um dabei vielleicht die entscheidende Idee zu haben.

 

Mittwoch, 12. Dezember (Marco): Das Ziel ist das Ziel

Die Frau direkt vor ihm im roten Jersey mit der Nummer 1412 hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Romy, fand Marco. Aber würde er sie denn elf Tage nach ihrer Begegnung beim Speed-Dating überhaupt wiedererkennen? Heute Morgen beim Herfahren mit dem Fahrrad hatte er im Stadtwald von hinten eine Joggerin gesehen, die ihn auch an Romy erinnert hatte. Die war dann leider abgebogen, bevor er sie überholen konnte.

"Dir ist schon klar, dass du gar nicht richtig laufen kannst?", stänkerte es in Marcos Kopf "Und schon gar nicht 15 Kilometer!" Solche Tiefschläge waren immer lästig, aber beim Laufen verursachten sie auch noch Seitenstechen. Und nun fing es an zu regnen. Komische Idee, mitten im Dezember einen Volkslauf zu machen. Aber diese Läufer waren ja solche Outdoor-Typen. Denen gab das einen Kick, wenn sie völlig durchgefroren und nass irgendwo ankamen. Romy sicher auch. Sie rannte ja direkt vor ihm, vielleicht.

"Willst du etwa überholen? Pass auf, dass du dabei nicht tot umfällst!" spottete der innere Widersacher. Leider hatte er recht. Laufen war viel anstrengender als Schwimmen. Im Zentralbad konnte Julius mit seiner guten Technik schwerelos durchs Wasser gleiten, hier musste er, naja, eben laufen. Ansonsten ähnelten sich die Sportarten: Beides was für Einzelgänger, für Typen, die irgendwann im Leben zum Speed-Dating gehen mussten oder verzweifelt versuchten, Frauen im roten Jersey zu überholen. Während Ruderer, Handballer und Tennisspieler sicher alle in langjährigen Partnerschaften lebten.

Und dann lohnte sich die Plackerei nicht mal. Als Marco keuchend die 1412 passierte, sah er, elf Tage hin oder her, sofort, dass es sich nicht um Romy handelte. Vielleicht lief die ja gar nicht, sondern hatte ihm das nur vorgeflunkert, um sich interessant zu machen, genau wie die Tanzerei und das Interesse für Kunst. Im Internet logen die Leute ja auch das Blaue vom Himmel herunter über sich, warum nicht auch beim Speed-Dating? Dann lief er sich womöglich völlig ohne Sinn hier die Lunge aus dem Leib.

Diese finsteren Gedanken hinderten Marco allerdings nicht daran, kurz vor dem Ziel mit letzter Kraft noch jemanden zu überholen, das musste sein. Dann stand er ausgepumpt im Zielraum und sah sich um. "Vergiss es", nölte es in ihm, "wenn die wirklich laufen kann, ist sie eine halbe Stunde vor dir angekommen." Marco griff sich an den Kopf: So war es, natürlich hätte er am Ziel auf sie warten müssen. Seine Unternehmungen stärkten zwar sein Selbstbewusstsein, schwächten aber offenbar seine analytischen Fähigkeiten. Die halbe Zeit bis Weihnachten war schon vorbei. Marco musste zurück zu den Wurzeln – vor den Computer.

 

Donnerstag, 13. Dezember (Jasmin): Still im Triebe

Warum geht das Schiff eigentlich "still im Triebe"? fragte sich Jasmin. Der Rest war eindeutig allegorisch - "das Segel ist die Liebe, der Heilig Geist der Mast", aber "still im Triebe"? Was bedeutete das? Doch dann überschwemmte der Klang von mehreren tausend Stimmen, die ein altes Weihnachtslied sangen, solche Grübeleien.

Alles hatte einfach angefangen. Ein kleiner Waldlauf für sie, ein großer Schritt auf der Suche nach Julius. Der Mann stand wie viele seinesgleichen auf Fußball, fiel ihr beim Traben plötzlich ein. Und war, das hatte er erzählt, Anhänger des örtlichen Erstligavereins. Und also im Stadion zu finden. Dann war es komplizierter geworden: Während Jasmin die nächsten Spieltermine auf dem Handy checkte, hatte ihr Liza über die Schulter gesehen und gekräht: "Adventssingen im Stadion – wie cool ist das denn?" "Wie passend, am Cäciliatag" hatte Kousuke ergänzt. Obwohl er nach eigenen Angaben in einem lasch praktizierenden buddhistischen Haushalt aufgewachsen war, überraschte er Jasmin immer wieder mit Detailkenntnissen der christlichen Kultur, die ihre weit überstiegen. "Da müssen wir hin", hatte Liza verfügt. Und Jasmin war mitgegangen, obwohl Julius an diesem Donnerstag sicher überall war, nur nicht im Stadion. Auf der Tribüne, wo man sonst die Gästefans in Grund und Boden brüllte, Weihnachtslieder zu trällern – das brauchte doch sicher kein Mensch. Jedenfalls kein echter Fan.

"O fröhlich seliges Entzücken", schmetterte Kousuke, der die meisten Texte auswendig konnte. "Die Alten schauen himmelwärts" sang das gut besuchte Stadion. Es war großartig. Die Perfektion eines Profichors hätte den Text wahrscheinlich bloßgestellt, ihn so kitschig erscheinen lassen, wie er war. Hier stimmte alles: die Melodie war zu erkennen, aber die sich aneinander reibenden und kratzenden Klänge so vieler unausgebildeter Stimmen erzeugten einen unvergleichlich warmen Klang, der alle einhüllte. Wer sich hier einsam fühlte, dachte Jasmin, dem war überhaupt nicht mehr zu helfen.

Einsam. "Still im Triebe". In Jasmins Kopf formte sich ein Gedanke. Das Turmblasen auf dem Weihnachtsmarkt hatte sie in die Kirche und zu Gottes Algorithmus geführt. Hier kam die zweite musikalische Erleuchtung. Julius war, neben allem, was er sicher und vielleicht über sich erzählt hatte, hauptsächlich eines: Single. "Still im Triebe", kicherte Jasmin. Sie musste ihn dort suchen, wo er am wahrscheinlichsten war: bei einer Veranstaltung für Singles. Und die fanden an einem Adventswochenende sicher haufenweise statt, weil doch alle bis Weihnachten versorgt sein wollten. "Danke, heilige Cäcilia", murmelte Jasmin, während Liza, Kousuke und das ganze Stadion "Stille Nacht" anstimmten.

 

Freitag, 14. Dezember (Marco): Wir haben was gemeinsam

Sozialer Stand? Schon okay. Gesundes Aussehen? Ja doch. Sicheres Auftreten? Hm. "Sie hatte schon eine Chance, dich gut zu finden, und wollte nicht", moserte der ewige Widersacher im Kopf. Marco wollte schon resigniert nicken, als ihm einfiel, dass er gar nicht wusste, ob Romy ihn wiedersehen gewollt hätte. "Vielleicht wollte sie ja doch!", schnauzte er den inneren Quälgeist mit dem ganzen bei der Suche gewonnen Selbstbewusstsein an. Eigentlich entwarf Marco ein PHP-basiertes Context-Management für einen Kunden. Aber in einer Denkpause studierte er im Netz eine Singleseite. Und dort zählte ein Experte auf, worauf  es Frauen bei Männern besonders ankam.

Gutes Gehalt. Ging so. Wenn er weniger Denkpausen machen würde, wäre das Gehalt sicher  noch besser. Humor. "Frauen sagen nur, dass sie Männer mit Humor mögen. Im Zweifelsfall ziehen sie dann aber doch mit der ferngesteuerten Unterhose ab", tönte es in ihm. Ein Klassiker der Selbstdemotivierung, den Marco aber einfach überhörte. Er war heute nicht eine dieser bedauernswerten Kreaturen, die im gigantischen Heuhaufen des Internets nach einer Stecknadel suchten, die auch noch zu ihnen passen sollte. Marco saß nicht an seinem Computer, um allen möglichen fremden Frauen den Bauchladen mit seinen paar seelischen Habseligkeiten hinzuhalten, in der Hoffnung, dass mal eine anbeißt. Nein, er wusste, wen er suchte. Und er hatte einen Plan.

"Hast du nicht", spottete die innere Nervensäge. "Gerade hast du dich völlig ziellos auf einer Romy-Schneider-Fanseite herumgetrieben. Und jetzt hängst du wieder auf einem Singleportal rum, wo du schon tausendmal warst. Hat nie was gebracht." Diesmal schon, dachte Marco, immerhin habe ich dort eine Romy gefunden, die tatsächlich Eventmanagerin ist. Leider suchte sie eine Partnerin zur gemeinsamen Freizeitgestaltung. "Knapp daneben ist auch vorbei", spottete der Widersacher. Eins zu Null für ihn.

Natürlich wollte Marco seine Romy weiterhin draußen im wirklichen Leben suchen. Aber nach den ersten Versuchen in dieser Richtung brauchte er Inspiration. Sonst könnte er ja gleich das Fenster aufmachen und hoffen, dass sie vorbeikam. Während er das dachte, sah Marco aus dem Fenster einer Frau auf der anderen Straßenseite hinterher, die Romy für einen Augenblick lang ähnlich zu sehen schien. Dieses einsame Herumsuchen im Computer machte einen ganz verrückt.

"Dann lass' es!" tönte es laut in ihm, "was suchst du eine Frau, mit der du wahrscheinlich nicht mal was gemeinsam hast?" Doch, habe ich, dachte Marco augenblicklich. Und starrte auf die fünf gleichzeitig geöffneten Partnersuchseiten. Wir sind beide solo. Es war so einfach. Er wusste nun, wo er suchen musste.

 

Samstag, 15. Dezember (Jasmin und Marco): In der Single-Hölle

Und jetzt guckt mich schon wieder einer an, ob ich in Frage komme! Jasmin presste die Lippen zusammen und versuchte, den Blick einer Frau aufzusetzen, die unter gar keinen Umständen für irgendetwas in Frage kam. Die größte Ü40-Singleparty der Stadt war nicht ganz ihr Stil. Sie war nur hier, weil es einfach sehr wahrscheinlich war, dass sich ein in dieser Stadt ansässiger männlicher Single heute hier befinden würde. Sie schienen sogar alle da zu sein. Die Auswahl ließ ihrer Ansicht nach trotzdem zu wünschen übrig. Von der Musik ganz zu schweigen.

Marco wusste, dass er jetzt eigentlich vor Begeisterung ausflippen müsste. Aber es gelang ihm nicht, obwohl nach Milli Vanilli jetzt schon der zweite Superhit aus den 80er-Jahren gespielt wurde. Denn er hatte nie verstanden, wie man ein Leben lang der Musik verfallen sein konnte, die zur Schulzeit die Hitparaden angeführt hatte. Und dann noch auf der größten Ü40-Singleparty der Stadt: Leute, die so einen schlichten Geschmack hatten, waren doch alle verheiratet mit zwei Kindern. Hier ging es doch darum, die Coolen zu verkuppeln, die wegen fehlender Massentauglichkeit noch niemanden gefunden hatten. Oder auch nicht: Die Typen, die hier herumstanden, sahen nicht sehr cool aus, eher wie klassische Aufreißer.

"Hallo, sag mal: Lachst du mich aus, oder lachst du mich an?" fragte es an Jasmins linkem Ohr. "Weder noch", knurrte Jasmin, aber da stand der Typ mit Undercut und gefärbter Strähne schon vor ihr. "Sag mal, kennen wir uns nicht von nirgendwoher?" laberte er weiter. Jasmin hatte große Lust, den Schwätzer so lange weitermachen zu lassen, bis ihm die vorbereiteten Rohrkrepierer ausgingen – und ihm dann ihr Handy zu leihen, damit er sich neue rausgoogeln konnte. Aber sie war ja nicht zum Vergnügen hier und drehte sich weg. Wo war Julius?

"Bist du alleine hier?" war jetzt noch kein Zeichen von großem Interesse. Trotzdem: Eine Frau hatte Marco angesprochen. Das hätte er unter normalen Umständen als sensationelle Wendung des Abends ausgelegt. Aber hier waren die Umstände so wenig normal, dass er irgendwas wie "Werde unten erwartet!" nuschelte. Marco hörte seinen inneren Aufpasser aufstöhnen, aber er war entschlossen, die ganze Riesenparty nach Romy abzusuchen. Im ersten Stock hatte er angefangen. Und nun war das Erdgeschoss dran.

Jasmin wollte schon enttäuscht nachhause gehen, als sie feststellte, dass es im ersten Stock noch weiter ging. Da oben waren sicher die richtigen, die guten Männer. Sie wollte gleich hinauf, machte dann aber noch einen Umweg, um kurz ihre äußere Erscheinung zu checken und notfalls nachzubessern.

 

Sonntag, 16. Dezember (Marco): Wie Jesaja und Hartmut sagen

"Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie", zitierte Frau Plietsch. Recht hat er, der Jesaja, dachte Marco. Er war vom Durchsuchen der Kuppelparty am Vorabend noch sehr mitgenommen und außerdem eingeschnappt: Eine Idee, die ihm so simpel und zugleich brillant erschienen war, konnte doch nicht einfach Quatsch gewesen sein. Oder hatte er nicht genau genug gesucht? Hätte er auch die Damentoilette observieren sollen? Notfalls, bis man ihn als Spanner verhaftete? "Mit der anderen hättest du abziehen sollen", tadelte Marcos innere Stimme.

Egal, wer nun Recht hatte, Marco hatte es vergeigt. Und deswegen große Lust, sich selber eine zu verpassen. "Seht, da ist euer Gott, er kommt zur Rache!" sagte die Pfarrerin im richtigen Augenblick. Wieder Jesaja. Und wieder hatte er Recht. Das Gewaltmonopol lag beim Herrn, Marco sollte niemanden hauen, auch nicht sich selbst. Sondern gütig seinen Dienst am Nächsten verrichten. Und das war sonntags immer Hartmut.

"Warste schön zum Advent beten in deinem lutherischen Heidentempel?" erkundigte sich Hartmut. Marco erzählte ihm, warum er dem Gottesdienst nur eingeschränkt hatte folgen können. "Das ist ja merkwürdig", wunderte sich Hartmut und streichelte die üppigen Triebe des Barbaraweizens. "Wenn's nach dem hier geht, müsstest du mit der Frau längst zwei Kinner hawwe". "Vielleicht bezieht sich das gar nicht auf mich", überlegte Marco. "Aja, auch widder wahr. Ich hab´s ja gepflanzt", stimmte Hartmut zu. "Wahrscheinlich krieg ich auf meine alten Tage noch eine ab. Das wirst du einem alten, einsamen Mann doch gönnen, Bub, oder?" Marco gönnte es Hartmut von Herzen und fragte ihn, ob er nach all diesen Fehlschlägen Romy noch bis Weihnachten weiter suchen solle.

"Ei, warum dann net?", antwortete Hartmut. "Es sei denn, du findest was Besseres in der Zeit". Marco berichtete kurz von der Frau, die ihn angesprochen hatte. Hartmut wiegte den Kopf: "Ich sag dir doch immer, die Frauen mögen dich. Aber: Wenn du zwei Hasen jagst, fängste keinen. Sagt der Japaner, glaub' ich. Bleib mal bei deiner Romy." In diesem Augenblick fingen die Augen der dementen Frau Maybach an zu leuchten. "Bleiben Sie mal bei der Romy! Das ist eine großartige Schauspielerin!" Und Marco glaubte wieder einmal, zu wissen, was er als nächstes zu tun hatte.

 

Montag, 17. Dezember (Jasmin): Drei Jahre auf einem Stein

Das brauchte kein Mensch. Da hatte man mal eine Erleuchtung, und nachher war erst recht alles stockfinster. Gottes Algorithmus, sämtliche Weihnachtslieder und Jasmins Intuition, die sonst fast unfehlbar war – alle hatten es als sicher erscheinen lassen, dass Julius bei dieser Singleparty zu finden sein musste. Nur die Wirklichkeit hatte nicht mitgespielt. Und Jasmin hatte einen grauenvollen Adventssonntag verbracht, an dem sie versuchte, sich daran zu erinnern, was ein Mann, der sehr wenig von sich erzählt hatte, denn noch so alles von sich erzählt hatte. Das Ergebnis: Er hatte mit 80%iger Sicherheit erwähnt, dass er einen Kleingarten besaß. Oder hatte er Kleinwagen gesagt?

Immerhin hatte sich Jasmin auf Montag gefreut. After-Work-Adventskaffee bei Liza. Da würde sie sich alles von der Seele reden und Kraft für die letzte Woche tanken. Aber auch das kam anders. Bei Liza saß schon ihre Kollegin Nele. Die war zum ersten Mal nach einem Jahr ihrem Mann und ihren Kindern für zwei Stunden entkommen, was sie kurz als echt erholsam würdigte. Danach war aber Schluss mit ehrlich, und es setzte penetrante Lobpreisungen des Familienlebens und - was Jasmin vor allem aufregte: der Partnerschaft.

"Also ich finde es völlig okay, wenn andere meinen, sie brauchen das nicht", begann Nele. Findest du nicht, dachte Jasmin, schwindel' hier nicht rum. "Ich meine, ich respektiere andere Lebensentwürfe", setzte Nele fort. "Nein!" schrie es in Jasmin. "Alle, die das sagen, tun es gerade nicht!" "Ich glaub' halt nur, die meisten sind nicht freiwillig allein. Sie haben einfach nicht den Mut, sich auf jemanden einzulassen", küchenpsychologisierte Nele zuende. "So? Du hältst mich also für ein beziehungsgestörtes Angsthäschen?" hätte Jasmin gerne gefragt, aber leider war das nicht ihr Stil.

Gottseidank war dann Kousuke dazugekommen und hatte das nächste japanische Sprichwort hervorgezaubert: "Drei Jahre auf einem Stein." So lange sitzt man nämlich dort und denkt, dass man gar nichts ausrichtet. Aber dann merkt man, dass immerhin der Stein warm geworden ist. Botschaft: Gib nicht auf!

Das hatte Jasmin auch nicht vor. Sie ging noch am gleichen Abend in die größte Kleingartenkolonie der Stadt. 9 Grad, Regen, Dezember eben. Aber im Dunkeln bearbeitete ein dünner Mittvierziger mit strähnigen Haaren seinen Kiesweg. Ob Jasmin von der Presse wäre, um mal wieder lauter Lügen über den Verein zu berichten? Nein, war sie nicht. Sie suchte einen großen, dunkellockigen Kleingärtner. Und der einsame Gärtner erinnerte sich, dass er mit so einem mal beim Fußball gewesen war. Leider hatte er seinen Garten vor einem Jahr verkauft und seither nichts mehr von sich hören lassen.

 

Dienstag, 18. Dezember (Marco): Romy-Retrospektive

Da saß sie nun vor ihm, riesengroß und lächelnd: Romy. Leider nicht seine Romy, und auch nur auf der Kinoleinwand. Marco hockte in einem halbvollen Saal und sah sich den letzten Teil einer vorweihnachtlichen Romy Schneider-Retrospektive an. Er hatte kurz überlegt, die Suche aufzugeben. Aber dann war ihm ein Witz über seinen Beruf eingefallen: Was sind die letzten Worte eines Informatikers? "Ich gehe nicht eher nach Hause, bis das Problem gelöst ist." Genau so war es.

Außerdem hatte sein analytischer Verstand das Orakel der Frau Maybach unterstützt. Warum gibt sich eine Frau den Spitznamen Romy? Doch nur, weil sie, wie alle Frauen, Romy Schneider verehrt. Die Vermutung, dass alle Frauen das tun, war Marco im Kino gekommen, wo außer ihm nur zwei Männer saßen. "Und die sind bestimmt schwul", pöbelte seine innere Stimme dazwischen, die bisher an diesem nebligen Dezembertag erfreulich ruhig geblieben war.

Dass ihm seine Romy nicht an der Kasse um den Hals gefallen war, enttäuschte ihn nach den bisherigen Erlebnissen nur noch ein bisschen. Vielleicht saß sie ja schon im dunklen Saal, und er würde sie beim Hinausgehen entdecken. In der Zwischenzeit beobachtete Marco die anderen Frauen. Saßen deren Gefährten zuhause beim Männerabend? Oder waren das hier die ganzen alleinstehenden Frauen, die er sonst nirgendwo traf? Lag das einfach daran, dass er sich im Kino sonst immer Filme ansah, bei denen höchstens drei Frauen anwesend waren? Sollte er, wenn das mit Romy nichts wurde, einfach häufiger in Retrospektiven gehen?

"Wenn die alle so sind, wie diese Frau Schneider da vorne: vergiss es!" hielt der Widersacher im Kopf dagegen. Das war schon eine Überlegung wert. Der gezeigte Film war eine Art Portrait von Romy Schneider, ein tatsächlich gegebenes Interview, eingehüllt in eine erfundene Geschichte. So eine Frau, da war sich Marco ganz sicher, würde ihn heillos überfordern. Aber war es erlaubt, von der Bewunderten auf die Bewundernden zu schließen? Eher war es doch so: Die wären alle gerne so faszinierend kompliziert wie die Überromy da vorne, im Alltag war dann aber höchstens die eine oder andere Laune oder kapriziöse Bemerkung drin. Zum Glück. Für die Fans und für Männer wie ihn.

Und Romy? Saß vielleicht zur gleichen Zeit in einem Kino voller Männer in einem Film über Julius Cäsar. Weil sie ihn auch seit drei Wochen verzweifelt suchte. Dieser absurde Gedanke beschäftigte Marco so intensiv, dass er nach dem Abspann erst einmal sitzen blieb. Und gar nicht darauf achtete, wer im nun wieder erleuchteten Saal seinen Mantel überzog und ging.

 

Mittwoch, 19. Dezember (Jasmin): Sieg in letzter Sekunde

"Kling Glöckchen klingeling", sangen die Fans. Im Stadion war schon wieder Weihnachten, aber nur für die eigene Mannschaft: "Unsere werden Meister, Bayern wird nur Zweiter". Dann folgte "Ihr Kinderlein kommet", da wurden die Kinderlein allerdings auf nicht sehr kindgerechte Weise aufgefordert, "und seht, was in dieser hochheiligen Nacht", die Heimmannschaft "mit ihrem Gegner macht". Laut, kehlig und genau so aggressiv, wie Jasmin es heute brauchte.

Ihre Vorgesetzte hatte sich in die Weihnachtsferien verabschiedet und ihr dabei eine bescheuerte Arbeit für die letzten Tage vor dem Fest hinterlassen: Stallwache, wenn die Leute für die EDV-Umrüstung im Haus sind. Das brauchte kein Mensch, der eigentlich mit etwas anderem beschäftigt war. Abends war Jasmin in eine Romy Schneider-Retrospektive gegangen. Aber irgendwie hatte ihre Lieblingsschauspielerin sie genervt, und sie war beim Abspann sofort hinausgelaufen. Und heute Nachmittag war der Versuch, sich bei Liza auszuheulen, von einer ebenfalls anwesenden Ines verhindert worden. Die hatte sich darüber aufgeregt, dass heutzutage Frauen immer noch Männern nachlaufen. Sie selber sei als Single völlig mit sich im Reinen, sie habe sich im Leben noch nie so wohl gefühlt.

"Auf die Fresse, auf die Fresse", klang es aus der Fankurve. Damit war allerdings nicht Ines gemeint, auch nicht Jasmins Chefin, sondern die Fans der Gastmannschaft. Die feierten gerade ein Tor  mit provokantem Gebrüll. Jasmin sang mit und versuchte, im Fanblock Julius zu entdecken. Dort standen aber fast nur Leute unter dreißig. Neben Jasmin auf der Tribüne saßen Männer im passenden Alter, allerdings eher vom Typ Familienvater, der beim Fußball mal ausrastet und den Schiedsrichter anpöbelt.

Zur Ablenkung fing Jasmin an, sich für das Spiel zu interessieren. Die Heimmannschaft spielte gut, aber irgendwie gelang es ihr nicht, dem Tor nahe zu kommen. So war das Leben! Man plagte sich ab und machte alles richtig – bis auf das Entscheidende. Und man erfuhr leider nicht, was das war. In der Pause suchte Jasmin die Bierstände ab, wieder kein Julius. Wie konnte er das Spiel seiner Mannschaft um die Herbstmeisterschaft schwänzen? Jasmin sang sich den Verdruss darüber mit den Fans in der zweiten Halbzeit vom Leibe. Wenn es nicht läuft, dann läuft es nicht. Da kannst du noch so laut "Auf geht´s Leute, schießt ein Tor!" brüllen. Und irgendwann weißt du genau, dass das heute nichts mehr wird.

Und dann machte die Heimmannschaft in der Nachspielzeit noch zwei Tore. Herbstmeister! Jubelgesänge. Jasmin sang laut mit. Manchmal musste es die Nachspielzeit bringen.

 

Donnerstag, 20. Dezember (Marco): Haarschnitt auf Türkisch

"Wir holen den DFB-Pokal. Und wir werden deutscher Meister", summte Marco vor sich hin, ohne seine Laune damit entscheidend zu verbessern. Er hatte das Spiel seiner Mannschaft in der VIP-Lounge verfolgt – Einladung seines derzeitigen Auftraggebers, für den er ein PHP-basiertes Content Management System bastelte. Sehr bequem, gut zu trinken und Häppchen, aber er wäre lieber wie sonst auf der Tribüne gewesen, schon wegen der Stimmung.

"Und wegen Romy. Die war doch bestimmt da und hat nach dir Ausschau gehalten", stänkerte es in Marcos Kopf. Er fand es immer öfter schade, dass man mit seiner inneren Stimme nicht einfach Schluss machen und sie gegen ein positiveres Organ eintauschen konnte, das vielleicht sogar konstruktive Beiträge zu lebenswichtigen Fragen beisteuerte. Stattdessen musste sich Marco anhören: "Gib' doch eine Vermisstenanzeige auf, dann durchkämmt die Polizei die ganze Stadt. Die können sowas."

Marco presste immer wieder die Reste seiner Erinnerung an das Speed-Dating aus, aber viel war nicht mehr zu holen. Auch sein Bild von Romy hüllte sich langsam in Nebel, am deutlichsten sah er noch ihre rot-blonden Haare vor sich. Die waren nämlich gefärbt. Woher er das wusste? Sie hatte es erzählt. Ja. Sie hatte es erzählt. Er hatte sich ein einziges Mal getraut, ihr ein Kompliment zu machen: Er fände ihre Haare toll. Und sie hatte erzählt, dass sie immer zu einem kleinen türkischen Friseur geht, der das gut kann.

Es gab ganz in der Nähe seiner Wohnung so einen Laden. Marco ging gleich hin. Die Kundschaft und die Angestellten plauderten lebhaft, ohne vom ihm Notiz zu nehmen. Marco hatte für einen Moment die Befürchtung, gleich von jemandem "Kartoffel" genannt zu werden, das war aber nicht der Fall. Der Chef begrüßte ihn, schnitt ihm selber die Haare und hörte sich dabei begeistert die Geschichte von der verlorenen Rotblonden an. "So eine Frau – die würde ich auch suchen", ermunterte er Marco. "Kann es sein, dass sie hier Stammkundin ist?" fragte der. "Ich hoffe es", sagte der Chef, "aber weißt du, ich habe den Laden erst eine Woche. Der Vorbesitzer ist nach Amerika gegangen. Hoffentlich nicht mit deiner rotblonden Frau."

Im weiteren Verlauf des Gesprächs entwickelte der Chef diese Theorie: Bei Romy handele es sich gar nicht um eine wirkliche Frau, sondern um einen Dschinn, eine Art Dämon, der Marco durch die Stadt lockte, um ihn in den Wahnsinn zu treiben. Marco fand das am Ende einleuchtend. Es war am besten, aufzugeben und in die Welt der Vernunft zurückzukehren, wo ein PHP-basiertes Content Management-System auf die Fertigstellung noch vor den Feiertagen wartete.

 

Freitag, 21. Dezember (Jasmin): Spazieren gehen

"Ich kann ihn doch nicht in der ganzen Stadt suchen", sagte sich Jasmin vor. Aber das Wetter war für die Jahreszeit mit 15 Grad für die Jahreszeit viel zu warm und außerdem sonnig, also eigentlich eher typisch die Jahreszeit. Und Julius hatte irgendetwas in der Richtung gesagt, dass er gerne lange Spaziergänge durch die Stadt machte. Und Jasmin war mit der Betreuung der EDV-Umrüster für heute fertig, ein Modul oder so etwas fehlte noch, aber das würde jemand in den nächsten Tagen vorbeibringen.

Also ging sie durch die Stadt. Um in der Nachspielzeit noch einen unverhofften Erfolg zu landen. Oder sich von der Suche zu verabschieden. Jasmins Ausflüge in fremde Welten hatten ihre Beobachtungsgabe geschärft. Sie sah nun Dinge, die ihr vorher nie aufgefallen waren: "Deutscher Meister 2019!" hatten die Fans des örtlichen Vereins auf ein Trafohäuschen gesprüht. Die evangelische Kirchengemeinde lud zum letzten Adventsgottesdienst. Die Volkshochschule warb für einen Kurs in PHP-Programmierung. Vielleicht sollte sie sich anmelden, um Gottes Algorithmus richtig zu verstehen und Julius dann bis Weihnachten 2019 zu finden.

Und dann fiel ihr auch noch das Plakat mit den Öffnungszeiten des Hallenbades auf. Jasmins Laune kippte. Wollte die Stadt sie auslachen? Sie mit all diesen schmerzhaften Erinnerungen an ihre erfolglose Suche verhöhnen? "Guck mal, wie du dich blamiert hast? Erst überall herumtönen, dass du es nicht nötig hast - und dann einen Typ, den du einmal gesehen hast, an all diesen trostlosen Orten suchen. Mädel, geh' doch mal zur Psychologin!"

Jasmin ahnte aus der Erinnerung an einige von der Firma veranstaltete Seminare, was die ihr geraten hätte: das Positive an der Sache herauszuarbeiten. Der Weg ist das Ziel. Nicht auf Julius kommt es an, sondern die vielfältigen Erfahrungen, die du gemacht hast, die Neugier auf andere Welten. Und jetzt hast du eine wertvolle Lektion über das Leben gelernt. Vielleicht bist du jetzt offen für andere Erfahrungen. Jasmin blieb empört stehen. Nein, sie hatte schon als Kind Geschichten mit verquasten Lehren gehasst. Die brauchte kein Mensch, die wollte sie auch nicht erleben. Gebt mir ein echtes Happy End, dachte sie.

Jasmin sah auf: sie stand vor einem Restaurant, das ihr bekannt vorkam. Hier war vor fast drei Wochen das Speed-Dating gewesen. Und jetzt müsste Julius von der anderen Seite kommen, und sich genauso wundern, dass ihn sein Weg zufällig hier hergeführt hatte. Aber er kam nicht. Es war immer noch lauwarm, aber es wurde dunkel. Um 23.23 Uhr würde offiziell der Winter beginnen. Normalerweise war das Jasmin egal, aber heute machte es sie traurig.

 

Samstag, 22. Dezember (Marco): Same procedure as every year

Eine außergewöhnliche Adventszeit war dabei, in ein gewöhnliches Weihnachtsfest zu münden. Einige von Marcos alten Freunden kamen über die Feiertage zurück in die Stadt, in der sie aufgewachsen waren, und wie immer traf man sich in den Tagen vor dem Fest in der ehemaligen Stammkneipe.

"Und, was machen die Frauen?" fragte Jörn routiniert. Marco fing mit einem gedehnten "Najaa ..." an, aber Jörn ging gleich dazwischen: "Hab ich mir gedacht, bei mir gibt’s auch nichts Weltbewegendes zu berichten." Wieso 'auch nichts'? dachte Marco empört. Er hatte Abenteuer erlebt. Nur nicht von der Sorte, die man in einer Männerrunde als Erstes zum Besten gibt. Es fehlte die Schlusspointe, die Stelle, wo er das Fell des erlegten Löwen herumreichen und den Applaus einstreichen konnte. Also schwieg er vorerst.

"Freu dich, deine Kumpels sind offenbar noch übler dran als du", meldete sich nach dem dritten Bier für alle Marcos ständiger innerer Begleiter zu Wort. Es sah ganz so aus. Jörn, Richie und Flori waren seit Jahren mehr oder weniger alleine unterwegs, was sie aber alle drei nicht genießen konnten. Auch beruflich war keinem etwas Überragendes gelungen. So erzählten sie einander Geschichten, die von abweisenden oder unbegreiflichen Frauen handelten, von zickigen Vorgesetzten oder Kunden und von anderen Leuten, die auf die eine oder andere Art nervten. Dann prostete man sich mit einem bitteren, aber verständnisvollen Lachen zu.

Marco wäre darauf sonst voll eingestiegen. Wenn dich alle anderen hassen, auf deine Kumpels kannste dich verlassen! Und dann die bescheuerte Romy-Idee mit vier bis vierzehn Bier herunterspülen. Früher hatte man zusammen Pläne gemacht und von Frauen geschwärmt, heute wussten alle, dass das ja doch nichts brachte. Aber auch das hielt irgendwie zusammen und warm.

Marco allerdings nicht mehr so richtig. Irgendwann erzählte er seine Geschichte - und alle staunten. "So kenn' ich dich ja gar nicht, Alter!" "Respekt!" "Du bist ja voll aus dir rausgegangen." Marco nahm die kleine Huldigung erfreut entgegen. Dann ging alles weiter, wie sie es tausendmal geübt hatten: "Naja, wahrscheinlich wärste von der dann auch wieder enttäuscht gewesen." "Die hätte ja eh nix von dir gewollt, glaub' mir." Marco kannte den Ton nur zu gut, seine innere Stimme redete genauso mit ihm. Als er dann berichtete, dass er über der Suche seine Arbeit vernachlässigt hatte und deswegen wahrscheinlich bis Heiligabend an seinem Content Management-System herumschrauben musste, waren sich alle einig: Es lohnte sich nicht, und am Ende war man immer der Dumme.

Nur Sami war still geblieben. Er hatte Familie und hätte sich sehr unglaubwürdig gemacht, wenn er in die schwermütige Junggesellenlitanei eingestimmt hätte. Als sich alle schulterklopfend verabschiedeten, sah Sami Marco an und sagte: "Du hast das so erzählt, als ob es schon gelaufen wäre. Aber genau genommen hast du ja noch ein bisschen Zeit…"

 

Sonntag, 23. Dezember (Jasmin und Marco): Trost und kein Rat

"Morgen, Kinder, wird’s was geben", sang es aus dem Radio. Bei Kousuke gab es schon heute was, nämlich ein Festmahl. Er hatte Jasmin zu einem hohen japanischen Feiertag eingeladen, dem Geburtstag des Kaisers. "Was macht ihr da so?" hatte Jasmin gefragt. "Der Kaiser zeigt sich auf seinem Balkon. Aber zuhause nehmen wir uns Zeit für alles, wofür sonst keine ist", antwortete Kousuke. Zum Beispiel Festmähler und ausführliche Erzählungen von Freundinnen, warum ein gemeinsam beschlossenes vorweihnachtliches Projekt wohl als gescheitert betrachtet werden muss. "Ein Affe fängt den Mond", sagte Kousuke tröstend – und das bedeutete, dass es auch im japanischen Sprichwortschatz das Thema "unerfüllte Wünsche" gab. Liza überlegte, dass das Happy End auch im Kino heute als unzeitgemäß galt. Da ging es meist doch um eine interessante Art, nicht das zu bekommen, was man wollte. Jasmin sah das ein, aber es half ihr gerade nicht viel.

"Viele hatten es sich in der babylonischen Gefangenschaft ganz gemütlich eingerichtet", predigte Frau Plietsch zum vierten Advent. "Die Juden waren keine Sklaven, sie konnten den Glauben weiter praktizieren, sogar studieren..." Marco glaubte trotz Kater und Schlafdefizit sofort zu verstehen, worum es ging. War nicht Alleinsein auch eine Art babylonische Gefangenschaft? Eigentlich ganz bequem, man konnte so vor sich hin wursteln und wenn die Sehnsucht aufkam, traf man sich mit Schicksalsgenossen zum Klagen. Danach ging es dann wieder. Jedenfalls eine Zeitlang.

Jasmin ging einigermaßen getröstet durch den Nebel nach Hause. Sie hatte so nette Freunde und hatte es deswegen nicht nötig, jemandem nachzutrauern. "Wenn die Jassi etwas wirklich will, dann kriegt sie das", hatte ihre Mutter gesagt. "Nur vielleicht erst nächstes Jahr", ergänzte Jasmin im Kopf. Sie freute sich fast auf die Feiertage. Nur eines ärgerte sie noch ein bisschen: dass die Leute, die das letzte IT-Modul anlieferten, erst morgen kamen und sie deswegen am Heiligabend noch einmal ins Büro musste.

"Es kimmt immer anners, als wie mer denkt", kommentierte Hartmut Marcos Erzählung und blickte zufrieden auf den wuchernden Barbaraweizen. "Für dich war es eine lehrreiche Erfahrung, für mich unterhaltsamer als das komplette Adventsprogramm im Fernsehen. Jetzt interessiert mich aber, wie´s ausgeht." "Das weißt du doch schon", gab Marco zurück, "ich hab' sie bis Weihnachten nicht gefunden, Ende." "Moment ema", gab Hartmut zurück, "morje is' Heilischabend. Des is' noch net Weihnachte, des müsstest du auch als Ketzer wisse. Da kannste noch suche." "Vergiss' es", stöhnte Marco, "morgen muss ich leider einfach noch arbeiten." "Fröhliche Weihnachten!" sagte die demente Frau Maybach freundlich.

 

Montag, 24. Dezember (Marco und Jasmin): Halber Arbeitstag

Jasmin ohrfeigte eine Straßenlaterne, stellvertretend für diese verpeilten IT-Typen. Wahrscheinlich verbrachten die auch Weihnachten vor dem Computer, deswegen war es ihnen völlig egal, wenn sie viel zu spät mit ihrem Kram fertig würden. Und normale Menschen wie sie mussten darunter leiden und am Heiligabend durch den Dezemberregen ins Büro rennen.

"Ein Wunder, dass du es überhaupt geschafft hast", höhnte Marcos böser Geist. "Diese Romy hat dich mindestens zehn IQ-Punkte gekostet. Noch zwei, drei Tage länger, und du hättest dein eigenes Content Management-System nicht mehr verstanden." Marco war erleichtert, dass der Firmensitz seines Kunden im Regen auftauchte. "Aufgeblasener Schickimicki-Laden", dachte er, als er die Eingangshalle mit den aparten Loungemöbeln passierte. "Die zahlen am besten", tönte es in seinem Kopf, "Und sag mal: Waren wir hier nicht schon mal?"

Die Büros im Eventmanagement waren an sich schon keine Schönheiten. Wenn man aber an einem verregneten Heiligabend alleine dort das Licht anmachte, wirkten sie noch einmal so deprimierend. Zu diesem Eindruck trug auch ein Haufen mit angestaubtem weihnachtlichem Kunsthandwerk bei. "Warum liegt der Mist von der Nikolausfeier noch hier herum? Warum bin ich hier und nicht im Schwimmbad oder beim Fußball oder wenigstens mit irgendeinem Julius auf dem Weg zu seinen Eltern, denen er mich unbedingt zu Weihnachten vorstellen will? Und warum können diese IT-Fuzzys nicht einfach pünktlich sein?" dachte Jasmin und ging, sich einen Kaffee machen.

"Wenn ich meine Zeit nicht bei Vernissagen, Volksläufen und türkischen Friseuren totgeschlagen hätte, wäre ich mit all dem schon letzte Woche durch gewesen", dachte Marco. "Vergiss die peinliche Nikolausnummer nicht!" brummte seine innere Stimme. "Sag' mal, war das nicht hier?" Aber Marco hörte nicht hin. Er war im zweiten Stock angekommen und stellte sich vor, wie er nun gleich von einem mies gelaunten Mitarbeiter seines Auftraggebers empfangen würde, der wegen ihm am Heiligabend in die Firma kommen musste. Noch war aber niemand da.

"Der Kaffee schmeckt heute noch schlimmer", grummelte Jasmin, als sie ein Geräusch aus dem Büro hörte. Sie ging zurück und öffnete die Tür. Jetzt musste sie gleich mit fast unmenschlicher Freundlichkeit einen trantütigen Computerfummler begrüßen. Und das brauchte kein…

Marco hörte jemanden kommen. "Jetzt erschrick' doch nicht", höhnte es in ihm, "das ist bestimmt nicht deine..." Aber da war die Tür schon offen.

"Du?" sagte Jasmin. "Ja." antwortete Marco. "Julius?" "Marco. Und du?" "Jasmin." Kleine Pause. Dann sagte Jasmin "Ich habe dich überall gesucht." "Ich dich auch", sagte Marco, "Überall. Außer hier." Und dann begann eine andere Geschichte.

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